Familie, Gedanken

Mama, Papa akzeptierst Du mich wirklich?

Immer wieder erreicht mich die Frage wie ich das mache.
Die Tatsache alleinerziehend mit behindertem Kind zu sein und dennoch so eine optimistische, fröhliche und offene Lebenseinstellung zu haben, dabei bin ich mir durchaus bewußt dass es viele Formen von Behinderungen gibt und daher kann ich nur aus meinen eigenen Erfahrungen schreiben

Akzeptanz
Als die Diagnose für meine Tochter gestellt wurde mussten wir als Eltern das akzeptieren.
Was auch immer ich versuche, ich kann tun und lassen was ich will, es wird nichts an der Tatsache der Diagnose ändern.
Für mich gibt es aber einen Unterschied in der Art zu akzeptieren.
Es gibt Dinge die MUSS man akzeptieren ohne davon überzeugt zu sein und Jene die man aus innerer Überzeugung “wirklich” akzeptiert.

„Wirkliche“ Akzeptanz benötigt Zeit.
Eine Diagnose zu akzeptieren ist die eine Sache, wesentlich wichtiger ist aber die Tatsache es zu akzeptieren dass sich damit aber Dein Leben ändern wird.
Wenn ich über Akzeptanz spreche bzw. schreibe dann geht es um das komplette Ausmaß der Situation.

  • Die Akzeptanz dass Dein „Sinn“ des Lebens sich ändert.
  • Zu akzeptieren dass Dein bisheriges Leben sich ändert.
  • Dein Alltag hat sich geändert.
  • Deine Erziehung hat sich geändert.
  • Das Leben der Geschwister hat sich geändert.
  • Deine Komfortzone hat sich geändert.
  • Deine ganze Welt hat sich geändert.

Diagnosen zu akzeptieren ist die einfachere Sache, es ist das unerwartete und unvorhersehbare was wirklich Zeit und Arbeit mit sich bringt.
Es gibt sicherlich Eltern die schon eine lange Zeit Ihre behinderten Kinder groß ziehen.
Sie geben Ihren Kindern die bestmögliche Pflege, die bestmögliche Behandlung und machen in dem Sinne alles richtig.
Aber das heißt nicht dass sie die Situation wirklich akzeptiert haben.
Sie leben damit, ja sie machen alles richtig aber sie kämpfen einen nervenzehrenden Kampf oder sind bereits in Automatismen verfallen.

Das ist natürlich nicht falsch! 
Im Umgang mit den unterschiedlichen Situationen sollten Eltern den Weg wählen der Ihnen am sichersten und nützlichsten erscheint und mit dem sie die Situation am besten meistern können.
Eltern sollten niemals aufhören das zu tun was für sie am Sinnvollsten und Besten erscheint denn was bei mir funktioniert muss zwangsläufig nicht auch bei anderen Eltern funktionieren.
Ich schreibe hier nicht über den Umgang mit heil- oder therapierbaren Krankheiten, hier geht es um neurologische Störungen.
Diese Störungen werden uns unser Leben lang begleiten, mal mehr mal weniger und sie ändern sich im Laufe des Lebens unserer Kinder.
Diese Störungen verwachsen nicht einfach sondern unsere Kinder lernen damit umzugehen. Und genau so müssen wir es auch lernen.
Tag für Tag – Step by Step.

Wenn ich meine Tochter ansehe dann denke ich nicht an Ihre Einschränkungen.
Ich habe ziemlich häufig darüber nachgedacht wie sie wohl wäre wenn sie nicht in Ihrer Motorik, Aufnahmefähigkeit, etc. gehindert wäre.
Mittlerweile bin ich aber dazu übergegangen zu separieren und alles was ich sehe ist ein Kind.
Natürlich darf man die Behinderungen und Störungen nicht vergessen aber in erster Linie geht es um das Wesen und Individuum.
Als Mensch mit eigener Persönlichkeit!
Diese beiden Dinge zu unterscheiden ist ein sehr langwieriger Prozess den ich selbst auch noch nicht abgeschlossen habe an dem ich aber weiter und weiter arbeite.
Es bedarf Zeit! Es bedarf Jahre und es bedarf eines stetigen Prozesses. Das ist eine Tatsache die akzeptiert werden MUSS!
Zeit um die Umstände die eine Diagnose mit sich bringt zu realisieren.
Zeit um sich damit abzufinden, Zeit sich darauf einzustellen und Zeit seiner Situation ins Auge zu sehen.

Es ist unendlich schwierig denn meine Tochter kann dies noch nicht differenzieren.
Sie sieht wie Kinder in Ihrem Alter rennen, spielen, reden und handeln und dieses Unverständnis darüber birgt ein nicht unerhebliches Maß an Frustpotenzial.
Manchmal ist sie verwirrt, manchmal ängstlich und manchmal schlichtweg überfordert mit ihrer Umwelt.
Diese Kinder kämpfen mit sich, ihrem Zuhause, auf dem Spielplatz, im Kindergarten oder der Schule.
Bis sie einen Fortschritt bzw. eine Entwicklungsschritt machen fühlen und spüren sie dass sie anders sind und es fühlt sich sicherlich nicht gut an.
Das müssen wir verstehen!
Wenn wir die Lebensumstände und die Behinderung nicht akzeptieren dann laufen wir Gefahr unseren Kindern unbewusst mitzuteilen dass wir sie nicht “wirklich” akzeptieren.
Fürsorge und Betreuung unserer Kinder bedeutet dass wir auch unsere Worte mit Bedacht wählen denn unsere Kinder können nichts dafür dass sie so sind wie sie sind.
Wenn wir versuchen die Behinderung zu „reparieren“ dann teilen wir unseren Kindern unbewußt mit dass sie kaputt sind und dass wir in gewisser Weise enttäuscht sind.

Ich weiß dass es schwierig ist, denn ich selbst habe gemeinsam mit der Mutter unsere Tochter von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie gebracht.
Alles nur in der Illusion dass sich das alles legen könnte aber das ist falsch.
Die Hoffnungen und Illusionen zerplatzen wie eine Seifenblase.
Mein Kind wird immer so bleiben wie es ist.
Es wird mit seiner Behinderung leben und das ist gut und richtig so!

Mittlerweile habe ich „wirklich“ akzeptiert.
Unser Kinderarzt meinte einmal zu mir, dass die Sichtweise die ich getroffen habe das Beste war was meine Tochter passieren.
Förderung entsteht nicht nur in irgendwelchen Praxis- und Therapieräumen.
Wir gehen zu Kontrollen, haben noch Physio- und Ergotherapie, thats it!
Die beste Förderung die ich ihr geben konnte war sie so zu nehmen wie sie ist und sie als Kind zu betrachten.
Mit Ihr raus zu gehen, in die Wälder, auf die Wiesen, mit Ihr so umzugehen wie ich mir ein Kinderleben vorstelle.
Wir matschen, wir pampen, wir klettern über Stock und Stein – wenn auch oft unter Mithilfe aber der Entdeckungs- und Forschungsdrang und die kindliche Neugier werden hier bestens befriedigt.
Fühlen, schmecken, riechen, sehen, Bewegungserfahrungen sammeln – all das ist draußen möglich und oft die viel bessere Therapieform für unsere Kinder.
Nicht zu versuchen die „Krankheit“ auszumerzen sondern mit den Besonderheiten zu leben ist das was uns und unseren Kindern hilft.

Die Diagnose habe ich vor Jahren den Umgang, die Änderungen und Einschnitte in meinem Leben habe ich erst spät akzeptieren gelernt und ich hoffe dass ich dem Ein- oder Anderen Leser damit ein bisschen weiter helfen und Euch vor Enttäuschungen und Illusionen bewahren kann.

Natürlich gibt es verschiendenste Formen an Behinderungen und sicherlich sollt Ihr jetzt nicht jubelnd und freudestrahlend in der Gegend rumrennen und alle Therapiemaßnahmen abbrechen.
Ich denke unsere Aufgabe besteht darin unseren Kindern das bestmögliche an Therapien, Bildung und Lebensqualität zu bieten.
Ihnen das Werkzeug an die Hand zu geben um erfolgreich in ein glückliches, ergiebiges und erfülltes Leben zu gehen.
Die Behinderungen und Einschränkungen werden immer ein Teil Ihrer selbst sein – aber es zu akzeptieren und damit zu leben ist der andere Teil.

  • Akzeptiere dass viel Arbeit vor Dir liegt
  • Akzeptiere dass dein Kind anders ist (Aber welches Kind ist das nicht?)
  • Akzeptiere dass Ziele und Fertigkeiten in anderen Phasen und auf anderen Ebenen eintreten, setze erreichbare und realistische Ziele
  • Akzeptiere dass jeder Fortschritt Zeit benötigt, trotz Deines Einsatzes, jeder Bemühung, jeder Therapie
  • Akzeptiere dass der erhoffte Fortschritt auch mal ausbleiben kann – dann bist Du es der das Boot in eine andere Richtung steuern kann
  • Eine Abbiegung auf eurem Lebensweg bedeutet nicht das Ende der Straße des Lebens – es sei denn Du verpasst die Kurve
  • Sei Dir im Klaren darüber was Du ändern kannst und was nicht
  • Aufkleber und Etiketten sind etwas für Markenklamotten – Eine Kennzeichnung definiert nicht Dein Kind oder Deine Familie
  • Ruf Dir ins Bewusstsein dass eine Änderung nicht das Ende bedeutet, auch in schwierigen Zeiten
  • Nimm Dir die Ignoranz der Anderen nicht zu sehr zu Herzen und lass Dich dadurch nicht beeinflussen – Sie wissen es einfach nicht besser.
  • Sei Dir im Klaren dass Du Tag für Tag besser in Deinem neuen Leben ankommst. Du täglich lernst besser damit umzugehen, in Deiner neuen Rolle, mit den neuen Herausforderungen, Deiner neuen Realität – Das ist Akzeptanz

Akzeptiere was Du nicht ändern und ändere das was Du nicht akzeptieren kannst. Der Versuch Dinge zu ändern die nicht veränderbar sind ist keine Lösung, es wird zum Problem.
Glücklich zu sein bedeutet nicht dass alles Perfekt ist (Oder das was die Gesellschaft und die Masse als Perfekt bezeichnen).
Glücklich zu sein bedeutet auch bewusst mit all seinen Ecken, Fehlern, Makeln und Kanten zu leben.

Akzeptiere sie und lebe voller Stärke und gehe mit Gelassenheit in ein Leben das nicht immer vorhersehbar und voller Überraschungen ist.
Die Dinge zu nehmen wie sie kommen und das Beste daraus zu machen – das ist für mich auch ein Stück des Glücks.

Wie viele schwierige Situationen hast du schon gemeistert bekommen? Sei stolz darauf!
Mit jedem Fortschritt erlebst Du einen unglaublichen, unmessbaren Erfolg.
Es ist das Ergebnis Deines Handelns, Deiner Leidenschaft, Deines Einsatzes.
Mit jedem Erfolg erfährst Du mehr und mehr Liebe, Geduld und Mitgefühl als sich andere Menschen jemals erträumen könnten.

Mit der „wirklichen“ Akzeptanz kommt der innere Frieden und das Selbstbewusstsein das wir Eltern auf unserer unglaublichen und wahnsinnig aufregenden Reise mit unseren Kindern benötigen.

Spread the love

Kommentar verfassen