Gedanken, Gesellschaft

Sag mal Warum….?

Häufig bekomme ich Komplimente. Komplimente darüber wie ich das alles stemme, über meine Einstellung und ja, verwunderliche weise auch über das Aussehen.
Oft wird mir auch die Frage gestellt warum ich eigentlich noch Alleine bzw. Alleinerziehend bin.

Nunja, ich werde meine Gedanken und Erlebnisse hier einfach mal ein bisschen zusammen tragen.
Es kann natürlich mitunter sein dass ich damit den oder die Ein- oder Andere ein bisschen treffe, das ist aber sicherlich nicht in böser Absicht gemeint. Ebenso schonungslos werde ich mich betrachten.
Es ist eben nicht alles Gold was glänzt! Und ebenso will ich betonen dass ich mit all meinem tun nicht der einzige bin der Anerkennung verdient hat.

Viele Alleinerziehende, aber auch all die Menschen die „normal“ erziehen, die Angehörige pflegen oder sich um Menschen kümmern haben Anerkennung im selben Maße verdient.

Da sitze ich also, seit 6 Jahre Alleinerziehend. Ich habe mich in Patchwork und einer weiteren Beziehung versucht, beides scheiterte aber kläglich.

Die Anfangszeiten waren sicherlich hart.
Mein Auszug gestaltet sich relativ einfach. Über einen Bekannten aus dem Verein, der als Immobilienmakler arbeitet, habe ich relativ schnell eine Wohnung gefunden. Eine schöne Wohnung, 2 große Zimmer, Küche, Bad mit Badewanne, Terrasse und Garage in einem herrlichen Haus jungen Jahrgangs. Karg ausgestattet beginne ich von Null und gehe tagtäglich meiner Arbeit nach. Abends kommst Du nach Hause und betrittst eine leere, kalte Wohnung. Kein Kindergeschrei, niemand der auf dich zugerannt kommt, dich umarmt und sich freut dass Du zuhause bist. Kein Streit, keine Diskussionen, kein lachen, weinen, zicken, keinerlei Emotionen, kein Leben. Eine tote, kalte und leere Umgebung. Ich bin ein Familienmensch. Ich bin mit Kindern aufgewachsen und hatte immer Menschen um mich herum. Und jetzt? Die einzigen Stimmen abends mit und zu mir sprechen kommen aus dem TV.
Es ist die Phase in der man sich selbst bemitleidet und in der man durch verschieden Formen der Emotionen geht. Wut, Enttäuschung, Trotz, Verzweiflung!

Meine Tochter zieht bei mir ein
sozusagen über Nacht. Es herrscht wieder leben aber ich mache mir auch Sorgen. Ich hatte seit je her mit Kindern zu tun. Ob mit meinen Geschwistern, meine ehrenamtlichen Tätigkeiten im Kinder- und Jugendbereich oder innerhalb meiner Familie mit meinen eigenen Kindern. Aber immer war da jemand der mir mit Rat und Tat zur Seite stand.
Wie geht es mit dem Job weiter? Wie soll ich das alles stemmen? Wie soll ich sie pflegen? Soll ich kündigen? -Aber wie geht es dann finanziell weiter?
Auf finanzielle belange hatte ich nie Rücksicht genommen. Auch nach der Trennung waren mir finanzielle Themen eigentlich egal. Die Altlasten habe ich einfach mitgenommen, ohne wenn und aber und ohne mir Gedanken darüber zu machen.
Ein Fahrzeug besitze ich zu diesem Zeitpunkt nicht, um zur Arbeit zu kommen war dies auch nicht notwendig, ebenso wenig notwendig wie zum Einkauf. Denn in einem männlichen Singlehaushalt wird meist sowieso aus der Tiefkühltruhe gekocht. Außerdem haben wir eine Kantine im Betrieb, kein kulinarischer Hochgenuss aber besser als die gute, alte Tiefkühlpizza.

Sicherlich bin ich froh dass meine Tochter bei mir ist aber es stellen sich Fragen über Fragen und Unsicherheit breitet sich in mir aus.
Ein Kind zu versorgen ist generell kein Problem, es ist wirklich hart, aber im Falle von Berufstätigkeit stehen verschiedene Optionen in Sachen Betreuung offen, zumindest bei uns.
Hier kommt aber noch dazu dass meine Tochter behindert ist. Sie benötigt spezielle Betreuung, geht in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, alles ist speziell, alles ist anders, alles ist Besonders und niemand hat Ahnung!
Also verfasse ich eine Rundmail an Behörden, Institutionen und Einrichtungen und erhalte schnell und unbürokratische Hilfe. Mein Arbeitgeber ermöglicht mir Betreuung und Arbeit unter einen Hut zu bringen aber dennoch lache ich heute lauthals los wenn ich Dinge über Vereinbarkeit von Familie und Beruf lese. Das ist jedoch ein anderes Thema.

Jedenfalls tausche ich mich aus, suche Gleichgesinnte und tauche ein in diese Welt der Alleinerziehenden.
Ein Mikrokosmos abertausender Charaktere, Persönlichkeiten und ebenso vielen Ansichten. Manchmal habe ich das Gefühl unter Menschen zu sein die in der gleichen Situation stecken, manchmal habe ich das Gefühl in einem Hyänengehege gelandet zu sein. Einerseits auf der Suche nach Frischfleisch, andererseits um sich über vorhandene Kadaver und hilflose Wesen her zu machen. Ich bin einer der wenigen alleinerziehenden Männer in diversen Foren und oft habe ich das Gefühl dass der Geruch von Testosteron einige Sinne aussetzen lässt. Ebenso wie uns Kerlen oft vorgeworfen wird mit dem Unterleib zu denken, weckt der Geruch von Testosteron Hoffnungen und Begehrlichkeiten.

Ich weiß was dahinter steckt
Es ist die Verzweiflung, auch diese Phase habe ich am eigenen Leib miterlebt. Es ist die Phase in der man sich nach Liebe, Wärme, Aufmerksamkeit und Zuneigung sehnt. Den Menschen ist kein Vorwurf zu machen, es ist eine natürliche Reaktion auf das Alleinsein. Es gibt Menschen die kommen damit zurecht, andere nicht und wiederum andere durchleben verschiedene Phasen während des Allein-Seins. Trauer-Wut-Hass-Sehnsucht-Bedürfnis im Wechsel. Ein stetiges Wechselbad der Gefühle.
Und exakt dort liegt auch die Problematik.

Liebe Frauen & Männer 
Bitte nicht böse sein aber wenn es jemand darauf anlegt, dann ist es ein leichtes jemanden in solch einer Situation ein wenig Honig ums Maul zu schmieren um an ein bestimmtes Ziel zu gelangen. Das heißt aber nicht, dass jeder oder jede die euch hübsche Augen macht es nicht auch ernst meint. Ich denke es Bedarf einiges an Beobachtungs- und Auffassungsgabe um differenzieren zu können und manchmal reicht auch einfach purer Realismus und das berühmte öffnen der Augen. Jedenfalls habe ich schon viele kommen und gehen sehen und in manchen Fällen ist die Verzweiflung wohl schon so weit fortgeschritten dass daraus ein Akt der Selbstzerstörung wird. Ein stetiger Kreislauf vom klammern an das vermeintlich letzte Fünkchen Hoffnung und der darauf folgenden Enttäuschung.

Was mich betrifft habe ich einen Punkt überschritten in dem ich diese Gefühle zwar nicht gänzlich abstellen kann, aber weiß was ich möchte.
Nunja, „genau wissen“ mag vielleicht auch in meinem Fall ein wenig überzogen sein und ich unterschätze mich und Andere vielleicht in vielen Dingen. Aber aus meiner Sicht ist mir wichtig dass ich in erster Linie meiner Tochter ein behütetes zuhause bieten kann und will. An erster Stelle steht, meiner Tochter eine glückliche Kindheit zu bieten. Sie mit der nötigen Nestwärme zu versorgen und dafür zu sorgen dass wir ein möglichst unbeschwertes Leben leben können. Es mag sicherlich auch dazu beitragen dass ich vielen Menschen nicht zutraue mit diesen Bürden und unter diesen Umständen zu leben. Manchmal schäme ich mich auch, denn wir leben noch immer in dieser Zwei-Zimmer Wohnung die ursprünglich für mich angedacht war und ja, die finanziellen Probleme sind auch noch nicht ganz beiseite geschafft. Trotz gut bezahlter Arbeit fliegen mir doch die Ein- oder Anderen Dinge aus der Vergangenheit um die Ohren und wem will man das schon zumuten?
Auch mache ich den Fehler Signale überhaupt nicht zu beachten uns stoße damit der Ein- oder Anderen sicherlich vor den Kopf. Oder aber es ist eine unbewusste, mit der Zeit aufgebauten Abwehrreaktion. Ich weiß es nicht!
Und ja, ich habe auch Bedürfnisse die seit nun mehr als 3 Jahren nicht mehr befriedigt wurden aber ich habe einfach keine Lust meiner Tochter alle 1, 2, 3, 4,… Monate eine neue Frau vorzustellen, denn ich weiß wie schnell sie jemanden ins Herz schließt. Ist es das tatsächlich Wert? -Nein! Nicht für mich.

Liebe Blogleser-/innen,

Träume, Wünsche, Visionen und Hoffnungen solltet Ihr euch immer bewahren. Es sind unbändige Schätze die dazu führen unser eigenes Leben zu gestalten. Es können Ziele sein und es können Rückzugsorte für uns selbst sein. Wir müssen aber darauf achten dass wir uns nicht in selbstzerstörerischer Manier auf sie stürzen und mit Naivität in allem und jeden den letzten Funken Hoffnung sehen. Es muss sich echt anfühlen und wir müssen und nicht Verbiegen oder verstellen um „anzukommen“. Und Hey, wir fühlen uns manchmal Alleine, wenn wir uns aber mal umschauen, sind wir es nicht! Da sind Menschen denen es genau so geht wie Dir!
Und sind wir doch mal ehrlich! Oft wissen wir doch gar nicht was die Liebe definiert, wie sie ist und an welchen Dingen wir sie fest machen. Liebe lässt sich nicht durch materielle oder sonstig mess- und sichtbaren Sachen bewerten und leiten.

Was mich selbst betrifft werde ich vielleicht mal auf Jemanden treffen bei dem es sich „echt“ anfühlt, das schließe ich nicht aus. Aber ich muss und darf authentisch sein dürfen und Jene muss bereit für unser kleines Abenteuerleben sein, genauso wie ich bereit sein muss, auf die Situation auf der anderen Seite einzugehen. Aber in erster Linie habe ich die Bande zwischen mir, meiner Tochter, unserem Alltag, unseren Baustellen und unserem Leben im Auge.

Und so lange werden meine Tochter und ich weiter neue Pfade betreten, neue Abenteuer erleben, uns anzicken, streiten und diskutieren, voller Optimismus und dem Durst nach Action & Taten.

So long! Nehmt nicht alles in meinem Text so krumm!
Wir lesen uns

:)

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